Ich bin seit Mitte 2016 als Software-Engineer tätig. Damals begann ich meine Lehre beim Schweizer Webhosting-Anbieter cyon. Ich arbeitete vor allem mit Legacy-Codebases auf Basis von Zend – einem der ersten PHP-Frameworks, das das MVC-Konzept in die PHP-Welt brachte. Es war nichts Weltbewegendes, aber es hat funktioniert. Zehn Jahre an gewachsenen Altlasten sorgten für massive Komplexität, was die Navigation in diesem Code-Chaos ziemlich mühsam machte.
Später wechselte ich in die Laravel-Welt und war hauptsächlich in DevOps-Umgebungen tätig. Ich war für Startups und Webagenturen tätig und habe unzählige Projekte gesehen. Ich war sicher nicht der krasseste Entwickler, aber meine Arbeit war immer grundsolid. Wie so oft macht das Programmieren nur den halben Job aus. Man jongliert ständig mit Meetings, Design-Entscheidungen, Personalfragen und vielem mehr. Das kann mit der Zeit echt schlauchen. Der Spassfaktor lag aber immer beim Programmieren selbst: die Genugtuung, diesen einen hartnäckigen Bug in einer Legacy-Codebase aufzuspüren; ein elegantes neues Feature zu entwerfen, bei dem die Architektur richtig glänzen kann; oder einfach eine simple Lösung für ein Problem zu finden, das noch vor kurzem unlösbar schien.
Das liebe Geld war immer ein Thema. Gerade im Agenturbusiness tanzt man oft am Rande des Abgrunds – oder zumindest lassen die Kunden einen das glauben ¯\_(ツ)_/¯. Aber wenigstens gab es das Argument, dass Softwareentwicklung komplex ist, Zeit braucht, Sicherheit zentral ist und dass es eben ein Handwerk ist! Und dann? Dann kam die KI und hat alles auf den Kopf gestellt.
Es fing harmlos mit Autocomplete an, ging über zu automatisierten Tests und Klassengenerierung und gipfelte in den letzten zwei Jahren im „Agentic Coding“. Als Software-Engineer wird heute erwartet, dass man Lösungen in Rekordzeit raushaut und eigentlich nur noch überwacht und korrigiert, was die KI fabriziert. Ganz nebenbei scheinen wir uns darauf geeinigt zu haben, dass Security zweitrangig ist, solange das Tempo stimmt. Das hat dazu geführt, dass mir genau das weggenommen wurde, was ich an der Softwareentwicklung so geliebt habe. Wir entwickeln keine Lösungen mehr – wir sind zu Fließbandarbeitern mutiert, die nur noch die KI kontrollieren.
Also, was habe ich getan? Ich habe den Absprung gewagt. Ich bin ins Projektmanagement gewechselt – nicht ausschliesslich wegen der KI, aber sie war definitiv ein Faktor. Später kamen viele SAP-Berührungspunkte dazu, und heute arbeite ich als Business Process Manager in einem Grosskonzern – genau das, was ich mir geschworen hatte, niemals zu werden.
Hasse ich meinen neuen Job? Keineswegs, ich mag ihn sogar sehr. Es ist ein solider Job, und Perfektionismus wird nicht vorausgesetzt. Die Firma hat Drive, viel Know-how und wir liefern Qualität ab. Vieles erinnert mich an meine Anfangszeit in der IT. Ist es perfekt? Nein, aber für mich (und viele andere) passt es. Würde ich zurückgehen, wenn ich könnte? Oh ja! Ich vermisse diese guten alten Zeiten.
Ich bin kein Technik-Pessimist. Ich will einfach Dinge erschaffen und an komplexen Problemen tüfteln, ohne das Denken an einen Chatbot auszulagern. Ich weiss, dass sich technische Arbeitsumgebungen ständig wandeln. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass uns diese Technologie aktuell mehr schadet als nutzt. Zumindest so, wie sie momentan eingesetzt wird.